Die Neue Basis e.V

Landesverband Niedersachsen

Eingetragener Verein zur Selbsthilfe , Aufklärung und Beratung von suchtgefährdeten Menschen und Mitbetroffenen

Das süchtige Stammhirn

Wie das Stammhirn uns beim Zucker- oder auch Alkoholentzug einen Strich durch die Rechnung macht

Haben Sie sich auch schon einmal gefragt, wieso es manchen Menschen so schwer fällt von Alkohol, Nikotin oder anderen Drogen oder auch bestimmten Lebensmitteln wie Süßigkeiten, Chips oder Kuchen loszukommen? Weshalb sie nachgewiesenermaßen schädliche Verhaltensweisen trotz entgegengesetzter Vorhaben einfach nicht lassen können?

Wer selbst nicht von einer Sucht betroffen ist, kann das Verhalten Süchtiger nur schwer nachvollziehen. Der „Fehler“ wird dabei oft im Charakter der Betroffenen gesucht. Mangelnde Impulskontrolle, zu wenig Willenskraft und Disziplin so oder ähnlich lauten die „Schuldigen“, wenn jemand von seiner Sucht nicht loskommt.

Dabei liegen die Probleme tiefer. Moderne Forschungsergebnisse der Neuropsychobiologie weisen darauf hin, dass ein kleines Zentrum in unserem Gehirn, das sogenannte Belohnungszentrum, bei der Entwicklung von Süchten eine wesentliche Rolle zukommt. Die in diesem nur etwa ein Tausendstel Millimeter großen Bereich stattfindenden Prozesse machen es so verdammt schwer von Süchten jeglicher Art, egal ob Tabak-, Alkohol- oder Zuckersucht, wieder loszukommen.

Wieso, weshalb, warum? Das wollen wir heute mithilfe des Suchtexperten Dr. med. Dipl. Thomas Redecker ein wenig näher erläutern.

Süchtig? Wenn das Gehirn uns steuert

Vor einiger Zeit bin ich auf ein Interview mit dem Suchtexperten Dr. med. Dipl. Thomas Redecker, unter anderem Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Neurologie und Psychotherapie aufmerksam geworden. Darin gibt der Suchtexperte interessante Einblicke in die neurobiologischen Veränderungen, die durch ein Suchtverhalten hervorgerufen werden.

Dr. Redecker erklärt darin sehr eindrucksvoll, wieso es so schwer ist von seinem Suchtverhalten loszulassen und wie die Biochemie unseres Gehirns uns in den ersten Wochen des Entzugs zu einem Rückfall verleiten möchte.

Zwar geht es in dem Interview um die Alkoholsucht, da inzwischen jedoch sehr gut belegt ist, dass Zucker die gleichen Areale im Gehirn stimuliert, wie Alkohol oder andere Drogen, können sicher auch Zuckerschtige von den Ausführungen des Chefarztes profitieren.

Der Hirnstamm und seine Rolle bei der Entwicklung und Aufrechterhaltung von Sucht

Unser Gehirn kann in vier Bereiche eingeteilt werden: Groß-, Klein-, Stamm- und Mittelhirn. Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass es im Hirnstamm und seinen Funktionen im Laufe einer Abhängigkeit zu wesentlichen Veränderungen kommt. Diese Veränderungen spielen für die Aufrechterhaltung der Sucht eine wesentliche Rolle.

Der Hirnstamm ist der älteste Teil unseres Gehirns und hat die Aufgabe alle lebenswichtigen Funktionen im Körper zu steuern, wie Hunger, Durst, Herzschlag, Atmung usw. Damit wir diese Funktionen nicht ständig kontrollieren müssen und sie auch im Schlaf stattfinden, arbeitet der Hirnstamm unabhängig von den anderen Hirnarealen und ist damit im Wesentlichen auch nicht beeinflussbar von unserem Verstand.

Moderne Forschungsergebnisse der Neuropsychobiologie deuten darauf hin, dass sich im Hirnstamm ein sehr kleines Zentrum befindet, das für die Entstehung von Belohnungsgefühlen verantwortlich ist. Sobald wir einer Tätigkeit nachgehen, die unser Überleben sichert, der Fortpflanzung dient oder einer Art Selbstentfaltung entspricht, wird der Botenstoff Dopamin ausgeschüttet, der uns in eine Art „Hurra-Stimmung“ versetzt.

Zu diesen von der Natur aus vorgesehenen „belohnungswürdigen“ Tätigkeiten zählen Dinge wie Nahrungsaufnahme, Sex, berufliche Erfolge, wozu früher das Töten eines Wildtieres gehörte, und kreative Beschäftigungen wie Singen, Tanzen oder Malen.

Irgendwann wurden dann jedoch Suchtstoffe wie Alkohol oder andere Drogen entdeckt bzw. entwickelt, die eine Dopaminausschüttung veranlassen, ohne dass man etwas dafür tun muss. Allein der Konsum lässt also die Stimmung steigen.

Um die Probleme, die dadurch entstehen, zu verdeutlichen, gibt Dr. Redecker folgendes Beispiel:

Während das Erlegen eines Mammuts zur Ausschüttung von einem Kilogramm Dopamin führte, führt das Trinken von Alkohol oder der Konsum anderer Suchtstoffe zur Ausschüttung der 20-igfachen Menge, also zur Ausschüttung von 20 kg Dopamin.

Die Menge macht das Gift

Doch auch bei Botenstoffen wie dem Dopamin, das der Körper selbst herstellen kann, gilt der Ausspruch „Die Dosis macht das Gift“. Für eine solche Menge sind unsere Gehirnzellen einfach nicht ausgelegt.

Wenn das Verhalten, das zu dieser übermäßigen Ausschüttung von Botenstoffen führt, abermals und abermals wiederholt wird, bleibt den Gehirnzellen, um nicht abzusterben, nichts anderes übrig als sich zu schützen.

Die Anzahl der Rezeptoren, also die Anzahl der Eintrittspforten durch die das Dopamin hindurch muss um in die Zelle zu gelangen, wird herabgesetzt, so dass letztlich nur ein 1 kg der 20 kg Dopamin in der Zelle ankommt. Bildlich kann man sich das auch so vorstellen, dass sich die Zelle eine Art Schutzschicht anlegt, also eine dicke Haut, durch die nur eine tolerierbare Menge Dopamin hindurch kommt.

Die düstere Seite des Entzugs

Fasst man nun eines Tages den Entschluss seine Sucht hinter sich zu lassen und hört man damit auf seinen Suchtstoff zu konsumieren, passiert folgendes: der Entziehende gerät in einen Dopaminmangelzustand.

Das heißt, egal wie oft der Entziehende die natürlichen „belohnungswürdigen“ Tätigkeiten wie Essen, Sex, kreatives Verhalten an den Tag legt, wird dadurch, wie von der Natur aus vorgehen, nur jeweils 1 kg Dopamin ausgeschüttet. Da die Nervenzellen aber weiterhin mit einer Art Schutzschild ausgestattet sind und sich inzwischen an die 20-igfache Menge gewöhnt sind, bleiben „Hurra-Gefühle“ aus.

Das macht die Phase des Entzugs so unangenehm und tückisch. Der Entziehende bekommt durch das von der Natur vorhergesehene belohnungswürdige Verhalten keine Hurra-Gefühle mehr. Das einzige, was hier helfen würde, wäre der erneute Konsum seiner Drogen.

Laut Dr. Redecker braucht der Körper nach einem jahrelangem Alkoholmissbrauch 8-12 Wochen bis sich die Nervenzellen wieder an die natürliche Situation angepasst und ihre Schutzschicht abgebaut haben. Bis dahin, so der Experte, sei das Leben weniger lebenswert und kein Verfahren, kein Medikament könne hier helfen. Wer von seiner Sucht wirklich loskommen möchte, dem bleibt, nach Ansicht des Experten, nichts anderes möglich als durch dieses dunkle Tal hindurch zu gehen.

Denn dieser neurobiologische Heilungsprozess ist von außen nicht beeinflussbar! Heilung, also der Abbau der dicken Haut, sprich der Schutzschicht der Nervenzellen, kann nur dann passieren, wenn man abstinent bleibt.

Die Aufgabe des Arztes, des Suchtbegleiters sieht Redecker darin, den Patienten in dieser schwierigen Zeit bei Laune zu halten. Sehr wichtig in dieser Phase ist auch der Kontakt und Austausch mit denjenigen, die den Entzug, diese Wüste bereits hinter sich haben und daher den Betroffenen Mut machen können, dass diese düstere Periode vorbeigeht und das Leben schon bald wieder Spaß machen wird.

Das Suchtgedächtnis oder der Versuch des Gehirns den Entziehenden zu einem Rückfall zu verleiten

Besonders tückisch wird diese Anfangszeit nach dem Entzug durch einen weiteren Teil in unserem Gehirn. Nur ein paar Millimeter neben dem Belohnungszentrum liegt das ebenfalls sehr kleine Suchtgedächtnis. Auch dieser Bereich des Gehirns arbeitet autonom, ist also nicht mit unserem Verstand beeinflussbar. Hier sind bestimmte Hinweisreize gespeichert, die dem Hirnstamm in Situationen, in denen man früher zu seiner Droge gegriffen hat, andeuten: „bereite dich schon mal vor, es gibt gleich wieder was für die Dopaminausschüttung“.

Ein Beispiel: Der Alkohol-Entziehende geht durch ein Einkaufszentrum und sein Blick fällt auf eine Flasche seines ehemals Lieblingsgetränkes oder an der Kasse der Tankstelle erblickt er das Regal mit den Spirituosen. Allein das Anschauen reicht aus um das Suchtgedächtnis anspringen zu lassen. Es entsteht ein Hinweisreiz, der in der Ankündigung „gleich gibt es etwas“, schon dazu führt, dass Dopamin ausgeschüttet wird.

In Folge dessen entsteht eine Art Vorfreude und jeder weiß, was folgt, wenn man sich auf etwas freut und es dann doch nicht bekommt. Man bekommt schlechte Laune und diese schlechte Laune kann zum Auslöser für einen Rückfall werden, vor allem dann, wenn man noch in der Heilungsphase ist. Denn in dieser Zeit macht ja, wie bereits beschrieben, nichts Spaß, außer das Suchtverhalten, denn nur das schüttet 20 kg Dopamin.

Das Suchtgedächtnis spielt dem Entziehenden daher gerade in den ersten Wochen des Entzugs einen Streich und es ist wichtig in dieser Zeit potentielle Reize, die das Suchtgedächtnis stimulieren, zu vermeiden.

Fazit:

Die Veränderungen im Gehirn, die durch ein abhängiges Verhalten ausgelöst werden, machen es einem Süchtigen nicht gerade leicht von seiner Sucht loszukommen. Ein jeder, der seine Sucht überwinden muss, muss durch eine Zeit, in der die normalen Dinge des Lebens einfach keinen Spaß machen. Gerade in dieser Zeit ist das Risiko groß wieder rückfällig zu werden um sich die guten Gefühle zurückzuholen.

Doch die gute Nachricht: Wenn man lange genug abstinent bleibt, normalisieren sich die Verhältnisse im Gehirn wieder und die von der Natur aus dafür vorgesehenen Verhaltensweisen wie Nahrungsaufnahme, Sex, berufliche Erfolge, soziale Kontakte und kreativ sein beginnen wieder Freude zu machen.

 

 

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