Die Neue Basis e.V

Landesverband Niedersachsen

Eingetragener Verein zur Selbsthilfe , Aufklärung und Beratung von suchtgefährdeten Menschen und Mitbetroffenen

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Der Rückfall der Angehörigen

Was ist ein Rückfall?
In der Regel nennen wir es Rückfall, wenn ein Abhängiger wieder damit anfängt, ein Suchtmittel zu konsumieren. Beim Alkoholiker geht es um das berühmte erste Glas. Bei allem, was man zu Recht auch noch Rückfall nennen kann: das 1. Glas ist der Schritt über die Grenze vom Leben zum Tod. Der erneute Gebrauch eines Suchtmittels ist der Beginn einer fortschreitenden Selbstzerstörung und er führt zum Verlust von allem, was in der Zeit der Abstinenz gewachsen und neu geworden ist. Ebenso wahr ist es, dass der Rückfall in die Sucht im Kopf beginnt und dass ein Rückfall in altes Denken, Fühlen und Verhalten fast immer dem ersten Schluck vorausgeht.

Was bedeutet „Rückfall des Angehörigen“?
Auch der Rückfall des Angehörigen meint ein Wiederaufleben alter Denk-, Gefühls-, und Verhaltensmuster. Was heißt das? Zunächst möchte ich sagen, was nicht gemeint ist. Was immer der Angehörige falsch macht, wenn in einem übertragenen Sinne vom Rückfall die Rede ist, dann hat das nichts mit Verhaltensweisen zu tun, die der Abhängige als Ausrede für seinen Rückfall in die Sucht nimmt.
Es geht vielmehr um eine eigene Krankheit, die sogenannte Co-Abhängigkeit. Zu meinen, der Rückfall des Angehörigen sei durch ein Fehlverhalten des Angehörigen verursacht, ist bereits co-abhängiges Denken und typisch für diese Krankheit.

Mangelnde Krankheitseinsicht des Co-Abhängigen
Bevor im einzelnen vom Rückfall des Angehörigen in die Co-Abhängigkeit die Rede ist, möchte ich betonen, dass Katastrophen in den Beziehungen zwischen dem Süchtigen und seinen Angehörigen nach der Therapie oft keine Rückfälle, sondern Folge einer nicht erkannten und deswegen nicht behandelten Krankheit sind.

Dazu ein Beispiel:
Einer der ersten Alkoholiker, die ich kennen und bewundern lernte, war Ortwin. Er war durch seine Sucht zum „Penner“ geworden. Als Vorbestrafter ohne festen Wohnsitz bekam er auch 1971 keine Arbeit. Eine mütterliche Frau nahm sich seiner an. Sie holte ihn von der Straße, stellte den Kontakt zu den AA her, durch den er trocken wurde. Sie besorgte ihm Arbeit und heiratete ihn.
Kaum ein Jahr später hörte ich, dass sich Ortwin von seiner Frau getrennt habe und dass die Scheidung anstand. Ich hielt sein Verhalten damals für den Gipfel der Undankbarkeit. Heute bin ich mir darüber klar, das sich O. von der mütterlichen Frau trennen musste, um nüchtern als erwachsener Mann leben zu können.
Dabei hatte seine Frau es so gut gemeint. Sie hielt sich für total selbstlos. Sie konnte nicht erkennen, dass es ihre Krankheit war, immer einen Menschen zu brauchen, der auf ihre mütterlich aufopfernde Fürsorge angewiesen war, und dass sie gar nicht fähig war, eine wirkliche Partnerschaft zu leben.
Ich habe sie aus dem Auge verloren. Ich vermute, dass sie bald wieder jemanden gefunden hatte, für den sie sich aufopfern konnte, wahrscheinlich wieder einen, der es ihr nicht dankte.
Sie war co-abhängig und wird es geblieben sein, bis sie entweder an den psychosomatischen Folgen ihrer Krankheit gestorben ist oder durch eine Gruppe bzw. eine Therapie genesen und ein neues Leben beginnen konnte.

Ich gehe davon aus, dass die meisten Angehörigen, die hier sitzen, im Familienseminar oder in ihren Gruppen schon eine Menge über Co-Verhalten gehört haben. Sie wären wahrscheinlich gar nicht hier, wenn sie nicht bereit wären, etwas für sich zu tun.

Dazu einige Fragen:

Wann haben sie zum ersten Mal kapiert, dass nicht nur der Abhängige, sondern auch der Angehörige Hilfe braucht, um zu genesen?

Was hat ihnen geholfen, dies einzusehen und anzufangen, sich zu ändern?

Wer würde heute noch sagen: Die Abhängigkeit ist allein das Problem meines Partners oder meiner Partnerin?

Wer von den trockenen Alkoholikern hat die Erfahrung machen müssen, das seine Partnerschaft nach der Therapie gescheitert ist, weil der Partner sich nicht ändern konnte oder wollte?

Beispiele für Rückfälle in die Co-Abhängigkeit
Rückfall nenne ich das Wiederaufleben alter, überwunden geglaubter Verhaltens- und Denkmuster. Diese Rückfälle kennt jeder, der hier sitzt – ich auch. Mein Ausbilder, Helmut Harsch sagte, wenn ich mich bei ihm beklagte, wieder einen alten Fehler gemacht zu haben: „Was willst du, sei doch froh, dass du es erkennst.“

Der Co-Abhängige glaubt, dass sein Verhalten den Rückfall des Angehörigen auslösen könnte und fühlt sich deswegen schuldig
Fast alle Angehörigen, die ich bei Familienseminaren erlebt habe, hatten starke Schuldgefühle. Schon Kinder verinnerlichen den Gedanken, dass Papi oder Mami trinken mussten, weil sie so ungezogen waren. Frauen schauen in den Spiegel und sagen sich: Bei so einer wie du muss er ja saufen. Die anderen haben ja so Recht.
Auf der anderen Seite wird gesagt, dass gesunde familiäre Beziehungen wichtig für eine dauerhafte Abstinenz sind. Sofort fangen Co-Abhängige an, die Hauptverantwortung für diese Beziehung zu übernehmen.
Da niemals alles auf einmal gut wird, da alte Verletzungen nicht heilen wollen und die Gefühle dem Verstand nicht folgen, fühlen sie sich wiederum schuldig an fast allem, was hier schief läuft.
Natürlich ist es in Ordnung, an sich zu arbeiten, natürlich ist es richtig, auf den anderen einzugehen.
Dennoch sind Ärger und Streit in fast jeder Beziehung normal. Der Co-Abhängige ist geradezu harmoniesüchtig. Er hat auch deswegen Angst vor Auseinandersetzungen, weil er nicht „schuld“ am Rückfall des Abhängigen sein möchte.

Auch dazu einige Fragen:

Wann habe ich eine notwendige Auseinandersetzung vermieden aus Angst, er oder sie könnte wieder trinken?

Wann habe ich geglaubt, meine Fehler könnten der Grund für einen Rückfall sein?

Wann habe ich bei einem Rückfall meines Partners/meiner Partnerin nach der Therapie mir die Schuld gegeben?

Der Co-Abhängige tut Dinge, die er nicht will
C. sind erpressbar. Es ist wie im Märchen vom Froschkönig. Der hässliche Frosch wird immer zudringlicher bis er sogar mit der Prinzessin ins Bett will. Die Königstochter gibt immer wieder nach, aber dann hat sie den zudringlichen Kerl eben doch nicht geküsst, sondern ihn mit aller Kraft gegen die Wand geworfen. Erst dann konnte aus dem zudringlichen Scheusal ein schöner Prinz werden.
Abhängige Beziehungen sind so lange volle Erpressungen, bis der Erpresste damit aufhört und glaubhaft „bis hierher und nicht weiter“ sagt.
Selbstverständlich ist nicht jede Rücksichtnahme in einer Partnerschaft Co-Verhalten. Co-Verhalten ist dort wo ein Partner seine Gefühle und Bedürfnisse verleugnet, um den Abhängigen vor einem möglichen Rückfall zu bewahren und ihn dadurch zu immer neuen Erpressungsversuchen einlädt.

Fragen:

Wann habe ich meine Gefühle, Gedanken und Bedürfnisse verleugnet, um den abhängigen Partner zu schonen?

Wann habe ich etwas getan, was mir völlig zuwider war, um seine Abstinenz nicht zu gefährden?

Co-Abhängige werden unehrlich
Wenn der Alkoholiker lügt, wissen wir, dass dies zu seinem Krankheitsbild gehört. Der Abhängige weiß, dass zum Weg der Nüchternheit größtmögliche Ehrlichkeit gehört. Viele wissen nicht, dass Unehrlichkeit genauso zum Krankheitsbild des C. gehört. Schon Kinder in Suchtfamilien lernen, um jeden Preis das Familiengeheimnis zu hüten und, wenn es sein muss, deswegen auch zu lügen. Das HEILE WELT SPIELEN wird dem C. zur zweiten Natur. „Sagt bloß nichts!“, das schärft der Alkoholiker noch in der Therapie seinen Angehörigen vor dem Familienseminar ein. Schweigen, Herunterschlucken und Schönreden sind Formen der Verlogenheit des C.

Fragen:

Wann habe ich dort, wo ich hätte reden sollen und wollen, heruntergeschluckt?

Wo habe ich wieder HEILE WELT gespielt und andere bewusst getäuscht?

Co-Abhängige lassen sich immer wieder überfordern

Sie fühlen sich gut, wenn sie gebraucht werden. Sie haben ein großes Bedürfnis nach Beifall für das was sie anderen Gutes tun. Es fällt ihnen nicht leicht, Dinge aus der Hand zu geben oder – noch schwerer – sie vom trockenen Alkoholiker einzufordern. Ein Patient sagte nach seiner Therapie: „Ich wollte meine Hosen wieder. Aber meine Frau mochte sie mir nicht freiwillig abgeben.“ Sie war für alles zuständig: Haus, Garten, Bank, Schulelterngespräche und Korrespondenz. Er durfte das Auto waschen. Natürlich muss es in jeder Partnerschaft Arbeitsteilung geben. C. neigen dazu, zu viel zu übernehmen, angeblich, um den anderen zu schonen. Sie stöhnen darüber, dass sie zu viel machen und sträuben sich gleichzeitig, Dinge abzugeben.

Fragen:

Wo fällt es mir schwer, Dinge abzugeben?

Welche Dinge müsste ich eigentlich von meinem abhängigen Partner einfordern?

Wo schone ich ihn zu sehr?

Co-Abhängige ziehen sich leicht von anderen zurück
Je offenkundiger das Suchtproblem eines Abhängigen wird, desto mehr zieht sich die Familie von anderen zurück. Sie isoliert sich aus Angst vor der Ablehnung anderer.
Der Genesungsprozess führt zu einer neuen Offenheit und damit zu neuen Beziehungen und Freundschaften. Bei Störungen sind C. leicht und dauerhaft gekränkt. Sie sagen nichts, sondern ziehen sich aus Gruppen und Freundschaften zurück.

Fragen:

Habe ich mich um neue Beziehungen und Freunde bemüht, seitdem mein Partner trocken ist?

Wo habe ich mich gekränkt oder verwirrt zurückgezogen, ohne etwas zu sagen?

Co-Abhängige neigen dazu, andere zu kontrollieren
In der nassen Phase des Partners haben Angehörige versucht, mit aller Kraft den Alkoholkonsum des Abhängigen zu kontrollieren. Sie schafften dies ebenso wenig wie der Abhängige selbst. Das Vertrauen wurde immer wieder enttäuscht. Während der Genesungszeit ist das Vertrauen stark gefährdet. Gemeinsame Gruppen von Angehörigen sind für viele sicher sehr gut. Dennoch sollten sich die Beteiligten prüfen, ob der Angehörige etwa mitgeht, um zu wissen, ob der Abhängige überhaupt in der Gruppe ankommt, was er dort macht und redet.
Wenn nur der Abhängige in eine Gruppe geht, oder wenn beide in getrennte Gruppen gehen, entstehen leicht Verlustängste und damit auch Eifersuchtsphantasien.

Fragen:

Gehe ich mit in eine Gruppe, um meinen Partner zu kontrollieren?

Habe ich unbegründete Eifersuchtsphantasien.

Der Co-Abhängige hat es schwer, etwas für sich zu fordern
Es gehört zum Wesen des C., für andere da sein zu wollen. Andere sind grundsätzlich wichtiger als er selbst, ihre Bedürfnisse rangieren vor den eigenen. Der einzige Wunsch in der nassen Phase des Partners war: Hoffentlich hört er auf! Dann, so meint er, wäre alles gut. Die eigenen Bedürfnisse werden nicht ausgesprochen, oft nicht einmal gespürt. Viele Angehörige brauchen dringend eine psychosomatische Therapie. Sie brauchen für sich eine Gruppe, wo sie reden können und verstanden werden. Sie brauchen Erholung und Freude. Dennoch haben sie ein schlechtes Gewissen, wenn sie etwas für sich fordern: Erholung, Hobbys, einen eigenen Freundeskreis oder Zeit und Geld für eine Therapie.

Fragen:

Was habe ich nach der Therapie meines Partners für mich getan?

Was habe ich aus schlechtem Gewissen nicht gemacht, obwohl ich es eigentlich wollte?

Schlussbemerkungen:
Diese sieben Fragenbereiche sollen für eine Gewissenserforschung und ein Gespräch miteinander genügen. Sie sind sicher nicht vollständig. Ich lade euch alle ein, darüber zu sprechen, was nach der Therapie schon einmal besser war und was wieder besser werden könnte. Wer für sich entdeckt, dass er hin und wieder trotz aller guten Vorsätze in die alten Fehler zurückfällt, sollte über diese Erkenntnis froh sein und nicht aufgeben.

Der Weg in eine neue sinnerfüllte Lebensweise, deren Möglichkeiten über die alten weit hinausgehen, führt nicht gradlinig nach oben, sondern verläuft in Kurven, die ein Auf und Ab nicht ausschließen.
Diesen Weg zuversichtlich miteinander zu gehen, dazu möchte ich euch Mut machen.

Georg Franitza (Vortrag beim Emmentreff am 20. Juni 1998)

 

 

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