Die Neue Basis e.V

Landesverband Niedersachsen

Eingetragener Verein zur Selbsthilfe , Aufklärung und Beratung von suchtgefährdeten Menschen und Mitbetroffenen

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Dissoziative Identitätsstörung

Die dissoziative Identitätsstörung (DIS) – auch bekannt als multiple Persönlichkeitsstörung (MPS) – kann zu  Erinnerungslücken und merkwürdigen Begebenheitenführen: So kann es zum Beispiel passieren, dass sich die Betroffenen plötzlich an einem unbekannten Ort wiederfinden oder in ihrem Kleiderschrank fremde Kleidungsstücke hängen.

Wer eine dissoziative Identitätsstörung hat, kann solche und ähnliche Situationen erleben,  ohne dass eine direkte körperliche Wirkung von Substanzen (wie Alkohol) oder Krankheit dahintersteckt, denn: Bei dieser Störung sind  zwei oder mehr unterscheidbaren Identitäten oder Persönlichkeitszustände vorhanden, die wiederholt die Kontrolle über das Verhalten übernehmen (sog. multiple Persönlichkeit).

Weil die Identität, die den Großteil des normalen Alltags bestreitet, sich der weiteren Identitäten häufig  nicht bewusstist, kann sich eine multiple Persönlichkeit oft nicht an wichtige persönliche Informationen erinnern. Die für eine dissoziative Identitätsstörung kennzeichnenden Teilidentitäten unterscheiden sich beispielsweise in ihren Namen, Vorlieben und Verhaltensweisen voneinander. Darüber hinaus können sie auch physiologische Unterschiede zeigen: So kann beispielsweise eine Teilpersönlichkeit allergischauf Substanzen reagieren, die bei einer anderen keine Allergie auslöst.

Die dissoziative Identitätsstörung stellt eine Art Schutzreaktion dar: Ursache für die Aufspaltung in zwei oder mehr Teilidentitäten ist eine  starke Traumatisierung in der Kindheit (z.B. wiederholter  Missbrauch). Die multiple Persönlichkeitsstörung ist dabei als Versuch zu verstehen, mit dem erlebten Trauma zurechtzukommen: Die Betroffenen dissoziieren – das heißt, sie trennen das reale Geschehen vom Bewusstsein ab. Im Erwachsenenalter ist die multiple Persönlichkeit bei der Bewältigung des Alltags jedoch hinderlich, sodass sie sich zunehmend belastend auswirken kann.

Überwiegend tritt die multiple Persönlichkeitsstörung zusammen mit einer Reihe  anderer Symptomeauf (z.B. Depressionen, Aggressionen, selbstverletzendes Verhalten usw.). Dadurch kommt es häufig zu Fehldiagnosen. Um die dissoziative Identitätsstörung richtig diagnostizieren zu können, steht ein Fragebogen zur Verfügung.

Eine dissoziative Identitätsstörung zu behandeln ist meist langwierig. Die Therapie zielt darauf ab, eine größtmögliche  Stabilisierung der Betroffenen zu erreichen. Neben der Alltagsbewältigung stehen dabei das Kennenlernen und die Kooperation der Teilidentitäten untereinander im Vordergrund.

Soweit es die dissoziative Identitätsstörung zulässt, ist es ratsam, bei der Behandlung auch die traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten – mit dem Ziel, die Teilidentitäten miteinander zu verschmelzen. Dabei ist es aber wichtig, immer die Möglichkeiten und Bedürfnisse jedes einzelnen Betroffenen in den Vordergrund zu stellen: Nicht selten lehnt eine multiple Persönlichkeit die Verschmelzung der Teilidentitäten als Therapieziel ab.

Die dissoziative Identitätsstörung (DIS) – früher auch multiple Persönlichkeitsstörung (MPS) genannt – ist eine  psychische Störung, die durch das Vorhandensein von zwei oder mehr unterscheidbaren Identitäten oder Persönlichkeitszuständen gekennzeichnet ist, die wiederholt die Kontrolle über das Verhalten der Betroffenen übernehmen (sog. multiple Persönlichkeit).

Ein wichtiges Merkmal für die dissoziative Identitätsstörung ist, dass sich die Betroffenen  nicht an wichtige persönliche Informationen erinnern können – nicht, weil sie einfach vergesslich sind, sondern weil die Identität, die den Großteil des normalen Alltags bestreitet, sich der anderen Identitäten oft nicht bewusst ist und darum auch nicht weiß, was diese tun.

Die dissoziative Identitätsstörung entsteht nicht durch direkte körperliche Wirkung einer Substanz (wie z.B. Alkohol, dessen Konsum zu Erinnerungslücken führen kann) oder einer Krankheit (wie z.B. bestimmte epileptische Anf¦lle, die mit Bewusstseinstrübungen und Gedächtnisverlust einhergehen). Stattdessen gilt die multiple Persönlichkeitsstörung als eine Folge von wiederholten schweren, traumatisierenden Misshandlungen oder Missbrauch  in der Kindheit.

Dabei erfüllt die dissoziative Identitätsstörung eine Art Schutzfunktion: Der Begriff dissoziierenbedeutet trennen oder auflösen. Dissoziation bezeichnet den Prozess, in dem man Teile des Erlebten von anderen inhaltlich trennt, wenn das Erlebte ein Übermaß an  Angst, Schmerz oder Trauer verursacht.

Dissoziative Identitätsstörung ist nicht gleich Schizophrenie!

Viele Menschen setzen umgangssprachlich multiple Persönlichkeitsstörung und Schizophreniegleich. Obwohl sich die Symptome teilweise überschneiden können, unterscheidet sich die dissoziative Identitätsstörung aber deutlich von der Schizophrenie:

Für Schizophrenie ebenso wie für die multiple Persönlichkeitsstörung gilt: Betroffene hören "Stimmen im Kopf". Schizophrene empfinden diese Halluzinationen aber als real, während sich eine multiple Persönlichkeit ihrer Trugwahrnehmung meist bewusst ist.

Schizophrenie wiederum ist – anders als die dissoziative Identitätsstörung – nicht durch schwerwiegenden Ged¦chtnisst￶rungen gekennzeichnet.

Darüber hinaus wirken sich auf eine dissoziative Identitätsstörung nicht dieselben Medikamente aus wie auf die Schizophrenie.

Historisches

Die dissoziative Identitätsstörung kann man durchaus als historisches Störungsbild bezeichnen: Schon im 19. Jahrhundert waren unter Psychiatern die sogenannte gespaltene oder multiple Persönlichkeit über Jahrzehnte eins der meistdiskutierten Probleme. Der Psychiater Pierre Janet (1859–1947) war in der Fachwelt der Erste, der für die Auflösung und Aufspaltung des Bewusstseins in verschiedene Teile den Begriff Dissoziation verwendete und diesen Prozess auf traumatische Erfahrungen zurückführte.

Später geriet die Idee der Dissoziation zeitweise in Vergessenheit und kam erst im Lauf des  20. Jahrhunderts wieder auf. Nachdem in den 1970er Jahren einige Fälle bekannt wurden und die Medien ausführlich darüber berichteten, diagnostizierte man die dissoziative Identitätsstörung zunächst wesentlich häufiger. Damit verbunden kam auch Kritik auf: Die Störung sei ein Produkt der Therapeuten; die Missbrauchserlebnisse und die multiple Persönlichkeit sei den Betroffenen eingeredet worden.

Entsprechend galt die dissoziative Identitätsstörung als eine der umstrittensten psychiatrischen Diagnosen. Zudem kam es in den USA zu einigen Gerichtsverfahren, in denen die Angeklagten auf Unzurechnungsfähigkeit plädierten, da sie zur Tatzeit in einem anderen Persönlichkeitszustand gewesen seien – in vielen Fällen konnte man den Angeklagten jedoch nachweisen, dass sie die multiple Persönlichkeitsstörung simuliert hatten, um einer Strafe zu entgehen.

Obwohl die dissoziative Identitätsstörung 1980 Einzug in das internationale Diagnosesystem für psychische Störungen gefunden hat, hält die Diskussion über die Existenz dieser Störung weiterhin an. Das in den letzten Jahren gestiegene Bewusstsein für die Häufigkeit sexuellen Missbrauchs und nicht zuletzt die Aufdeckung von Kinderschänderbanden hat aber dazu geführt, dass die multiple Persönlichkeitsstörung größere Akzeptanz erfährt. Dies ist auch wichtig, damit die Betroffenen aus den vorhandenen Behandlungsmöglichkeiten den größtmöglichen Nutzen ziehen können.

Die dissoziative Identitätsstörung weckt nicht nur in der medizinischen Fachwelt Interesse. Dies zeigt sich daran, dass man die multiple Persönlichkeit schon häufig in Buch und Film thematisiert hat. Das wohl bekannteste, obgleich auf die multiple Persönlichkeitsstörung eher unzutreffende Beispiel hierfür ist die von Robert Louis Stevenson erdachte und unzählige Male verfilmte Geschichte von Dr. Jekyll, die sich in Mr. Hyde verwandelt.

Häufigkeit

Die dissoziative Identitätsstörung tritt mit einer Häufigkeit von etwa 1,5 Prozent auf. Unter Menschen, die sich in stationärer psychiatrischer Behandlung befinden, kann man sogar bei etwa 5 Prozent eine multiple Persönlichkeitsstörung diagnostizieren. Frauen sind häufiger betroffen als M¦

Als Ursache für die dissoziative Identitätsstörung (multiple Persönlichkeitsstörung) gilt eine  frühe Traumatisierung: Wer eine multiple Persönlichkeit hat, wurde mit großer Wahrscheinlichkeit in frühester Kindheit (meist vor dem fünften Lebensjahr) wiederholt massiv sexuell oder körperlich missbraucht (teils in ritualisierter Form) oder extrem – bis hin zur Verwahrlosung – vernachlässigt.

Selten sind andere Traumata die Auslöser für eine dissoziative Identitätsstörung: Infrage kommen zum Beispiel auch schwere Lebenssituationen wie extreme Armut oder Krieg, in denen die Kinder den Verlust von Angehörigen miterleben mussten. Wenn eine multiple Persönlichkeitsstörung scheinbar ohne schweres Trauma in der frühen Kindheit entsteht, kann eine Erklärung hierfür lauten, dass sich die Betroffenen nicht mehr an die ursächlichen Erlebnisse erinnern.

Dass schwere Traumata eine dissoziative Identitätsstörung verursachen können, liegt an der  gefährlichen und hilflosen Lage, in der sich die Kinder befinden: Hilfe können sie nicht erwarten, da die Täter meist nahe Angehörige sind, die drohend fordern, nichts von den Erlebnissen zu erzählen. In dieser Situation trennen die Kinder als Schutzreaktion das reale Geschehen vom Bewusstsein ab und schaffen so einen gedanklichen Rückzug aus der unerträglichen Situation. Eine multiple Persönlichkeitsstörung entsteht, wenn sich die Betroffenen dabei in zwei oder mehr Identitäten aufspalten, wobei jede Identität bestimmte Funktionen in den jeweiligen Situationen übernimmt und in einer ähnlichen Situation wieder zum Vorschein kommen kann. Diese Teilidentitäten haben alle ihre Aufgaben:

So entstehen zum Beispiel Helferpersönlichkeiten, welche die Rolle des Beschützers für die Betroffenen übernehmen, indem sie Situationen vermeiden, in denen ein Missbrauch stattfinden könnte.

Andere Teilpersönlichkeiten sorgen beispielsweise dafür, dass die Betroffenen mit den Anforderungen in der Schule zurechtkommen.

Dissoziation

Die für die dissoziative Identitätsstörung kennzeichnenden Teilidentitäten entstehen durch sogenannte  Dissoziation: Dies bedeutet so viel wie die inhaltliche Trennung verschiedener Teile des Erlebtenvoneinander. Dieser Vorgang kann als eine Art Bewältigungsmechanismus in belastenden, stressigen oder traumatischen Situationen unbewusst ablaufen und lässt sich nicht steuern: Einige Hirnregionen arbeiten dann nicht weiter, sodass die Informationsweiterleitung im Gehirn teilweise blockiert ist. Dies schützt auch vor Erinnerungen an die belastende Situation.

Empfinden die Betroffenen die Dissoziation als Erleichterung, gelingt sie bei späteren Traumatisierungen immer leichter. Im Extremfall kann dabei eine multiple Persönlichkeit entstehen: Innerhalb einer Situation können dann mehrere Teilidentitäten abwechselnd zum Vorschein kommen, um das zugefügte Leiden zu verteilen  und es so seelisch überleben zu können. Eine psychische Störung ist dieser Schutzmechanismus dann, wenn die Teilidentitäten ohne die ursächlichen Situationen weiterbestehen oder schon geringe Alltagsbelastungen ausreichen, um Dissoziationen auszulösen. Im Erwachsenenalter belastet die dissoziative Identitätsstörung die Betroffenen zunehmend, da sie bei der Bewältigung des Alltags hinderlich ist.

Die Fähigkeit zur Dissoziation ist also die Grundvoraussetzung dafür, dass sich Teilidentitäten abspalten und somit eine dissoziative Identitätsstörung entstehen kann. Doch nicht jeder Mensch kann dissoziieren. Bei Kindern ist die Fähigkeit zur Dissoziation aber in der Regel gut ausgeprägt. Ursache für die multiple Persönlichkeitsstörung ist daher typischerweise eine Traumatisierung in früher Kindheit.

Die dissoziative Identitätsstörung (multiple Persönlichkeitsstörung) kann vielfältige Symptome verursachen. Gemeinsames Merkmal der verschiedenen Erscheinungsformen ist, dass 2 oder mehr (manchmal bis zu 100) voneinander unterscheidbare Identitäten oder Persönlichkeitszustände in einer Person existieren (sog. multiple Persönlichkeit).

Im Durchschnitt ist eine dissoziative Identitätsstörung durch 8 bis 10 Teilidentitäten gekennzeichnet, von denen mindestens 2 wiederholt die Kontrolle über das Verhalten übernehmen:

Die Person, die den Großteil des normalen Alltags bestreitet, bezeichnet man als  Host (englisch: Gastgeber).

Die Teilpersönlichkeiten nennt man Alters(abgeleitet vom englischen alternate, sinngemäß: anders, verändert).

Die für die dissoziative Identitätsstörung charakteristischen Teilidentitäten führen typischerweise zu schwerwiegenden  Gedächtnislücken: Die Betroffenen können sich an wichtige persönliche Informationen nicht erinnern. Der Grund: Der Host ist sich der anderen Persönlichkeitszustände nur teilweise bewusst, sodass er sich auch nicht an deren Handlungen erinnert. Wer eine multiple Persönlichkeit hat, weiß darum manchmal nicht, wie er an den Ort gekommen ist, an dem er sich befindet, wer die Person ist, die er eben gegrüßt hat oder wer den Einkaufszettel auf seinem Tisch geschrieben hat.

Die verschiedenen Identitäten, die eine dissoziative Identitätsstörung ausmachen,  unterscheiden sichmeist deutlich voneinander: Sie haben verschiedene Namen, unterschiedliche Vorlieben und Verhaltensweisen. Sogar physiologische Unterschiede sind möglich: So kann eine multiple Persönlichkeit beispielsweise eine Teilpersönlichkeit haben, die bei Kontakt mit bestimmten Substanzen allergische Symptome entwickelt, während andere dagegen nicht allergisch sind. Die Charaktereigenschaften der sogenannten Alters stehen häufig im Gegensatz zum Host. Das Ausmaß, in dem die verschiedenen Identitäten untereinander kooperieren (d.h., untereinander Zugriff auf die Erinnerungen und Handlungen haben und den Wechsel der Teilpersönlichkeiten koordinieren können), ist unterschiedlich stark ausgeprägt.

Begleitend zeigen Menschen, die eine dissoziative Identitätsstörung haben, häufig folgende Symptome:

Depressionen

Erinnerungsbilder von traumatischen Erfahrungen (sog. Flashbacks), deren Auslöser oft scheinbar neutrale Reize sind (häufig sind deshalb in Texten zur dissoziativen Identitätsstörung mögliche Reizwörter durch Sternchen maskiert, wie z.B. in: s*xuelle M*sshandlung)

ᅣngste

selbstverletzendes Verhalten und Selbstmordversuche

Aggressionen

Kopfschmerzen

Missbrauch von Alkohol oder Drogen

Essstörungen

zwanghaftes Verhalten

Wahrnehmung von Stimmen (der anderen Teilpersönlichkeiten)

Da die dissoziative Identitätsstörung (multiple Persönlichkeitsstörung) mit einer Vielzahl von Begleiterscheinungen verbunden ist, gelingt es  häufig erst spät, sie zu diagnostizieren: Vom Auftreten der ersten Symptome bis hin zur zutreffenden Diagnose vergehen im Durchschnitt sechs bis sieben Jahre.

Viele multiple Persönlichkeiten unterziehen sich zunächst einer erfolglosen Behandlung (z.B. wegen einer Borderline-Pers￶nlichkeitsst￶rungSchizophrenie oder Depression), bevor man sie richtig diagnostiziert. Oft scheut sich eine multiple Persönlichkeit auch, von ihren Gedächtnislücken und merkwürdigen Begebenheiten – zum Beispiel unbekannten Kleidern im Schrank – zu erzählen, die einen wichtigen Hinweis auf eine dissoziative Identitätsstörung darstellen.

Um die dissoziative Identitätsstörung zu erfassen, können ein Fragebogen zu dissoziativen Symptomen und ein Interviewleitfaden hilfreich sein. Nur wenn folgende Symptome vorliegen, kommt diagnostisch eine multiple Persönlichkeitsstörung in Betracht:

Es bestehen zwei oder mehr unterscheidbare Identitätszustände, von denen mindestens zwei wiederholt die Kontrolle über das Verhalten der Betroffenen übernehmen.

Es liegt eine umfassende Unfähigkeit vor, sich an wichtige persönliche Informationen zu erinnern. Diese Beeinträchtigungen sind nicht durch einen Substanzmissbrauch oder eine körperliche Erkrankung zu erklären.

Die gegen eine dissoziative Identitätsstörung (multiple Persönlichkeitsstörung) eingesetzte Therapie zielt darauf ab, ein größtmögliches  Wohlbefinden und eine Stabilisierungder Betroffenen zu erreichen. Ob eine gelungene Integration der Teilidentitäten die Voraussetzung hierfür bildet, gilt als umstritten: Viele Menschen, die eine multiple Persönlichkeit haben, lehnen dies als Ziel der Behandlung ab.

Bei Bedarf ist es möglich, die dissoziative Identitätsstörung durch Medikamente (Antidepressiva und Beruhigungsmittel) zu behandeln. Dies wirkt sich allerdings ausschließlich auf die Symptome  aus – die Ursachen für die multiple Persönlichkeitsstörung bleiben durch die medikamentöse Behandlung unangetastet.

Die Suche nach einem geeigneten Therapeuten für die dissoziative Identitätsstörung gestaltet sich häufig schwierig. Zum einen haben viele multiple Persönlichkeiten schon schlechte Erfahrungen mit Behandlungen aufgrund falscher Diagnosen gemacht. Zum anderen fällt es Menschen, die eine multiple Persönlichkeitsstörung haben, häufig schwer, Vertrauen zu fassen. Dies ist aber notwendig, um sich auf die Therapie einlassen zu können.

Wenn Sie eine dissoziative Identitätsstörung haben, empfiehlt es sich, einen Therapeuten aufzusuchen, der auf die Traumatherapie (d.h. die Behandlung von traumatisierten Personen) spezialisiert ist. Meistens ist es sinnvoll, die multiple Persönlichkeitsstörung über mehrere Jahre zu behandeln – eine Dauer, die die Krankenkassen oft nicht vollständig bezahlen.

Behandlungsphasen

Die gegen eine dissoziative Identitätsstörung angewendete Therapie besteht aus verschiedenen  Phasen. Die einzelnen Behandlungsphasen sind individuell unterschiedlich lang und finden unter Umständen wiederholt statt:

Zunächst steht der Aufbau der therapeutischen Beziehung im Vordergrund, die es Ihnen ermöglichen soll, sich auf die Therapie einzulassen. Daneben stellt Ihre Stabilisierung ein wichtiges erstes Behandlungsziel dar: Dazu erarbeiten Sie gemeinsam mit Ihrem Therapeuten, wie sich Ihr Alltag besser bewältigen lässt. Zusätzliche belastende äußere Umstände (z.B. unzureichende Tagesstruktur, ungünstige Wohnsituation) sind nach Möglichkeit zu verändern.

In der zweiten Phase geht es hauptsächlich darum, die Kommunikation und Zusammenarbeit der verschiedenen Teilidentitäten untereinander zu fördern. Dazu gilt es, die verschiedenen Teilpersönlichkeiten (sog. Alters) kennenzulernen, jede einzelne ernst zu nehmen, ihre Beziehungen untereinander zu klären und eine gegenseitige Unterstützung (z.B. im Umgang mit Erinnerungsbildern) aufzubauen.

In der anschließenden Behandlungsphase empfiehlt es sich, das für die dissoziative Identitätsstörung verantwortliche Trauma schonend zu bearbeiten. Dies erfordert ein besonders vorsichtiges Vorgehen: Due Therapie soll Sie darin unterstützen, sich den belastenden Erinnerungen zu stellen, ohne zu dissoziieren. Ziel ist es, das Erlebte als Bestandteil der Vergangenheit anzunehmen, ohne dass alte Auslösereize immer weiter die belastenden Erinnerungsbilder hervorrufen.
Eine wirksame Technik zur Traumabearbeitung ist das Eye Movement Desensitization Reprocessing
 (EMDR): Der Therapeut leitet Sie an, von dem traumatischen Erlebnis zu berichten, während Sie schnelle Augenbewegungen ausführen. Diese Kombination von Augenbewegung und Konfrontation mit dem Trauma erleichtert es, das Erlebte zu verarbeiten: Die Augenbewegung regt das 
Gehirn so an, dass sich die Blockaden lösen können.

Die abschließende Behandlungsphase zielt ab auf die Integration und Verschmelzung der Teilidentitäten. Dadurch sollen Sie sich wieder als eine einzelne Person erleben können und lernen, Ihre Vergangenheit als Teil Ihres Lebens zu akzeptieren. Dabei stellt sich aber die Frage, ob Sie diese Integration als Therapieziel anstreben – gegebenenfalls sollte der Therapeut Ihre Wahl, die Identitätsvielfalt beizubehalten, respektieren.

Wenn die dissoziative Identitätsstörung auf rituellen Missbrauch zurückzuführen ist, sind in der Therapie eventuell auch Techniken zur Bewusstseinskontrolle zu berücksichtigen: Diese kommen zum Beispiel in Kulten zum Einsatz, um Opfer zum Dissoziieren zu programmieren. Dann ist eine Deprogrammierung hilfreich, um diese Kontrollmuster zu löschen.

Beim Vorgehen gegen die dissoziative Identitätsstörung ist es wichtig, dass in allen Behandlungsphasen die  individuellen Möglichkeiten und Bedürfnisse der einzelnen Betroffenen im Vordergrund stehen. So kann es im Sinne Ihrer größtmöglichen Stabilisierung beispielsweise sinnvoll sein, darauf zu verzichten, die für Ihre multiple Persönlichkeitsstörung verantwortlichen traumatischen Erlebnisse zu bearbeiten, wenn Sie sich dadurch dauerhaft überfordert fühlen.

Die dissoziative Identitätsstörung (multiple Persönlichkeitsstörung) entsteht meist in  früher Kindheit, bleibt aber oft bis zum Erwachsenenalter unentdeckt. Ihr Verlauf zeigt häufig Schwankungen – dabei können die Symptome nur phasenweise auftreten oder aber ständig vorhanden sein. Belastungen und traumatische Erfahrungen verstärken die Störung typischerweise.

Unbehandelt bleibt die dissoziative Identitätsstörung meist dauerhaft bestehen, wobei sich die Symptome mit steigendem Lebensalter jedoch häufig verringern. Aber auch nach langjähriger Behandlung hat eine multiple Persönlichkeit oft noch in Teilbereichen Probleme. Allerdings hat sich durch die Entwicklung der Behandlungsmethode EMDR (Eye Movement Desensitization Reprocessing) für traumatisierte Personen die Prognose für die multiple Persönlichkeitsstörung in den letzten Jahren deutlich verbessert . (Die EMDR besteht darin, vom ursächlichen traumatischen Erlebnis zu berichten und gleichzeitig schnelle Augenbewegungen auszuführen.)

Auch das Ausmaß der ursächlichen Traumatisierung hat Einfluss darauf, wie die dissoziative Identitätsstörung verläuft: So bestehen zum Beispiel für eine multiple Persönlichkeitsstörung, die durch ein verfrühtes Aufwachen aus der Narkose entstand, meist bessere Aussichten auf Heilung. Eine stark ausgeprägte Begleitsymptomatik (z.B. Essstörungen, Alkoholmissbrauch) kann die Behandlung hingegen oft erschweren.

Die dissoziative Identitätsstörung (multiple Persönlichkeitsstörung) gilt als Folge von Kindheitstraumata –  allgemein vorbeugen kann man der Aufspaltung in zwei oder mehr Teilidentitäten also nicht. Ob eine erhöhte öffentliche Aufmerksamkeit in Bezug auf Kindesmissbrauch und verstärkte Bemühungen, diesen zu verhindern, eventuell langfristig dazu führen, dass weniger Menschen eine multiple Persönlichkeit entwickeln, bleibt abzuwarten.

Erhalten Menschen, die in früher Kindheit eine entsprechende Traumatisierung erfahren haben, sowie deren Angehörigen  frühzeitig Informationen über die dissoziative Identitätsstörung, kann dies dazu beitragen, dass sich die Betroffenen früher um eine geeignete Behandlung bemühen. Dadurch sinkt das Risiko, dass die multiple Persönlichkeitsstörung dauerhaft bestehen bleibt.

Quellen:

Online-Informationen des Pschyrembel: www.pschyrembel.de (Stand: 2016)

Falkai, P., Wittchen, H.-U., et al. (Hrsg.): Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen – DSM-5. Hogrefe, Göttingen 2015

Arolt, V., Kersting, A. (Hrsg.): Psychotherapie in der Psychiatrie. Springer, Berlin 2010

Sachsse, U. (Hrsg.): Traumazentrierte Psychotherapie. Schattauer, Stuttgart 2009

Fiedler, P.: Dissoziative Störungen und Konversion – Trauma und Traumabehandlung. Beltz PVU, Weinheim 2008

Davison, G.C., Neale, J.M., Hautzinger, M. (Hrsg.): Klinische Psychologie. Beltz PVU, Weinheim 2007

Gast, U., Rodewald, F., Hofmann, A., et al.: Die dissoziative Identitätsstörung – häufig fehldiagnostiziert. Deutsches Ärzteblatt 103, Online-Publikation (Dezember 2006)

Krüger, A.: Die Entstehung Multipler Persönlichkeiten. Schriftenreihe gegen sexualisierte Gewalt Band 3/2001, S. 59

 

 

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