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Magersucht (Anorexie) Zusammenfassung: An Magersucht erkranken vor allem junge Frauen im Alter von 15 bis 30 Jahren. In dieser Altersgruppe wird eine
Erkrankungshäufigkeit von 0,5 bis 2 Prozent angenommen. Der Anteil der Frauen an der Erkrankung insgesamt beträgt ungefähr 95 Prozent. Verlässliche Angaben über die Erkrankungshäufigkeit von Männern an Magersucht gibt es kaum.
Allerdings konnte in den letzten Jahren ein Ansteigen der Erkrankungszahlen von männlichen Magersüchtigen beobachtet werden. Möglicherweise ist das darauf zurückzuführen, dass es in den letzten Jahren gelungen ist, das
Tabuthema „Essstörung“ mit all ihren verschiedenen Formen öffentlich zu machen, und somit auch jene ca. fünf Prozent Männer, die an dieser Erkrankung leiden, den Mut aufbringen professionelle Hilfe zu suchen. Vor
allem Sportler sind gefährdet diese Störung zu entwickeln. Die meisten Krankheitsfälle kann man bei Skispringern, Eis-, Langstrecken- und Marathonläufern sowie Jockeys und Turnern beobachten. Ursachen Dass die Erkrankung doch viel häufiger bei Frauen zu finden ist als bei Männern, liegt zu einem großen Teil daran, dass Männer sich über ihren beruflichen Erfolg, ihre Macht, Potenz, ihren Geldbeutel definieren, wohingegen Frauen noch immer sehr nach ihrem Aussehen beurteilt werden. Dieses Rollenverständnis trägt sicherlich zur hohen Prävalenz von Frauen, die an Magersucht leiden, bei. Gemäß dem Umstand, dass sich alte Rollenklischees langsam aber doch verändern, gelten mittlerweile auch für Männer bestimmte Körperideale, und dies mag einer der Gründe sein, wieso diese mehr und mehr an einer bislang Frauen vorbehaltenen Störung erkranken. Es gibt keine einfache biologische oder psychologische Erklärung für die Entstehung einer Magersucht. Nach heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen geht man davon aus, dass es sich um eine multifaktorielle Erkrankung handelt, die von verschiedenen Risikofaktoren bestimmt wird. So tragen sowohl genetische als auch Umweltfaktoren zur Entstehung der Krankheit bei. Im Rahmen der Zwillingsforschung konnte eine familiäre Häufung der Erkrankung nachgewiesen werden, wobei die genauen Genorte, wo der Defekt lokalisiert ist, noch nicht bekannt sind. Derzeit konzentriert sich die Forschung vor allem auf Informationsstellen, die in engem Zusammenhang mit dem System des Botenstoffes Serotonin stehen. Außerdem sind auch Einflüsse aus dem sozialen Umfeld - wie negative Kommentare von Familie und Freunden bezüglich der eigenen Figur, wie auch das allgemeine Schönheitsideal, das von der jeweiligen Kultur bestimmt wird - Faktoren, die eine Entstehung der Magersucht begünstigen können. Ungünstige familiäre Umstände im Elternhaus, die eine Störung der eigenen Persönlichkeitsentwicklung hervorrufen, wie beispielsweise geringes Selbstbewusstsein oder fehlerhafte Problemlösungsstrategien sowie zu hohe Erwarten von Seiten der Eltern, die zu einem zwanghaften Perfektionismus führen können, aber auch schwere psychische, sexuelle oder physische Traumatisierungen in der Vorgeschichte können Auslöser der Magersucht darstellen. Häufig kann auch eine Abmagerungskur der Beginn der Anorexie nervosa sein. So steht am Beginn der Erkrankung der durchaus nachvollziehbare Wunsch ein paar Kilogramm Gewicht zu reduzieren. Allerdings rückt mit der Zeit das Abmagern an sich in den Mittelpunkt und das Gefühl der Askese, der Selbstbeherrschung und das Besiegen des Hungers wird zu einem unverzichtbaren Faktor. Das reale Gewicht wird irrelevant und der oder die Betroffene ist nicht mehr in der Lage normal zu essen. Soziokulturelle Faktoren Familiäre Faktoren Magersucht kommt zumeist in so genannten Bilderbuchfamilien vor. Diese Familien legen großen Wert auf ein perfektes Erscheinungsbild, hinter dem sich aber häufig starke interne Spannungen verbergen. Konflikte und Gefühle werden nicht offen ausgesprochen. Beziehungen zwischen Familienmitgliedern sind von hoher gegenseitiger Abhängigkeit gekennzeichnet, es mangelt an Privatsphäre. Werte, die in solchen Familien hochgehalten werden, sind Leistung, Erfolg, korrektes Auftreten, gepflegtes Äußeres, gute Manieren, Harmonie. Zumeist gibt es eine traditionelle Rollenaufteilung zwischen den Eltern – so ist der Vater für das Familieneinkommen zuständig und die Mutter kümmert sich um Haushalt und Kindererziehung. Für Töchter kann diese Konstellation insofern problematisch werden, als die oft überfürsorgliche Mutter die Eigenständigkeit und Ablösung der Tochter unterbindet. Durch die so entstehende Unselbstständigkeit geraten die Betroffenen in Konflikt mit den hohen Erwartungen an sich und die Zukunft - bezeichnend für die Magersucht ist, dass viele Magersüchtige beispielsweise Vorzugsschülerinnen sind. Die Hausfrauen-Rolle der Mutter dient ihnen nicht zur Identifikation und die Abgrenzung von der Mutter erfolgt über die Ablehnung der Frauenrolle und des "Frau-Werdens" sowie der damit verbundenen Sexualität. Der Vater ist in der Familie berufsbedingt wenig präsent. Häufig empfinden Magersüchtige, dass sie von ihren Vätern nur über ihre erbrachten Leistungen wahrgenommen werden bzw. dass daran väterliche Zuwendung gebunden ist. In manchen Familien findet sich auch bereits eine Geschichte von Essstörungsverhalten. Magersüchtige können z.B. in ihrer Kindheit erlebt haben, wie über Essen Belohnung und Bestrafung ausgeübt bzw. Macht und Kontrolle erlangt wurde. Dieses Verhalten ist in der Folge zu ihrer zentralen Konfliktbewältigungsstrategie geworden. Viele Magersüchtige fühlen sich fremdbestimmt und sind nicht im Stande aus diesem oft "goldenen" Käfig auszubrechen. Aufgrund der Tatsache, dass keine adäquaten Lösungsstrategien zur Verfügung stehen, wie man sich dem familiären Druck - sei es bezüglich schulischer Leistungen, sei es bezüglich sportlicher Erfolge - entziehen können, ist die einzige Möglichkeit zur Selbstbestimmung der Verzicht auf Nahrung. Auch ist oftmals ein verzerrtes Selbstbild die Ursache, dass Anorektikerinnen und Anorektiker - obwohl sie objektiv gesehen bereits wie ein Skelett aussehen - sich selbst im Spiegel betrachten und einen Menschen sehen, der zu dick ist. Dieses Phänomen wird auch als Körperschemastörung bezeichnet. Alle Versuche der Umwelt eine Änderung im Essverhalten der Betroffenen hervorzurufen, werden als unzulässige und vor allem unerwünschte Einflussnahme abgewehrt. Charakteristisch ist auch, dass Magersüchtige oft dazu neigen, übermäßig Sport zu betreiben, um nur ja kein Gramm zuzunehmen. Individuelle Faktoren Bei Magersüchtigen lässt sich häufig ein hohes Maß an Selbstunsicherheit feststellen, das sie durch Perfektionismus, Loyalität und Zuverlässigkeit bis hin zu Überangepasstheit und Fremdbestimmtsein auszugleichen versuchen. Ihr beständiges Streben nach Anerkennung und Liebe schlägt sich auch in ihrem Ehrgeiz, die Besten, die Schönsten, die Dünnsten zu sein nieder. Gemeinsames Merkmal von magersüchtigen Patientinnen und Patienten ist die Angst vor dem Essen, gekoppelt an eine panikartige Furcht vor einer Gewichtszunahme. Viele Betroffene nehmen die Wünsche und Erwartungen ihrer Umgebung sehr differenziert wahr, versuchen, diese zu erfüllen und es möglichst allem Recht zu machen. Gleichzeitig wissen sie aber nicht, wer sie eigentlich sind und was sie wollen. Die schon vorher erwähnte Körperschemastörung führt dazu, dass die Betroffenen ihren Körper nur spüren können, wenn sie hungrig sind. All diese Eigenschaften fördern die zunehmende Entwicklung von eher starren, unflexiblen Denk- und Handlungsmustern. In manchen Fällen tritt Magersucht daher auch in Verbindung mit Zwangs- oder Angststörungen und Depressionen auf. Vor allem Persönlichkeitsstörungen, wie beispielsweise histrionische, narzisstische, zwanghafte, aber auch Borderline-Persönlichkeitsmerkmale, sind unter ihnen häufig. Biologische Faktoren Es gibt Hinweise auf eine genetische Veranlagung. Allerdings ist bei der Entstehung des Krankheitsbildes das Zusammenspielen der oben genannten Faktoren notwendig. Es wird angenommen, dass bei anorektischen Menschen eine Störung der Hirnregion vorliegt, die für die Steuerung des Essverhaltens und der sexuellen Aktivität verantwortlich ist. Bei Zwillingsstudien wurde nachwiesen, dass die Wahrscheinlichkeit eines eineiigen Zwillings etwa 50 Prozent beträgt, diese Essstörung zu entwickeln, wenn das andere Geschwisterkind ebenfalls an Magersucht erkrankt ist. Bei zweieiigen Zwillingen sinkt diese Wahrscheinlichkeit auf unter 10 Prozent. Krankheitsauslösende Bedingungen Der Krankheitsbeginn fällt bei vielen Magersüchtigen mit einem belastenden Lebensereignis zusammen, das jedoch nur Auslöser, nicht Ursache der Erkrankung ist. Typische Beispiele dafür sind Trennungs- oder Verlusterlebnisse, z.B. ein Schulwechsel, eine beendete Beziehung oder Situationen, die mit Verantwortungsübernahme verbunden sind, wie Berufseintritt oder Beginn eines Studiums, sowie Situationen, die emotionale Reife fordern, wie der Beginn einer sexuellen Beziehung. So erkranken viele Betroffene während der Pubertät, wenn vor allem bei jungen Mädchen der Körper beginnt weibliche Formen zu entwickeln. Oftmals tritt in dieser Lebensphase ein Gefühl der Überforderung ein und es wird versucht diesen inneren Konflikt mit Hilfe der Krankheit zu lösen. Innere Unsicherheit, wie man mit der neuen Lebensphase zurechtkommen soll, Zweifel und Ängste bezüglich der Zukunft, die massiven Veränderungen sowie viele neue Eindrücke sind dann Auslöser der Störung. Krankheitserhaltende Faktoren Wird die Nahrungszufuhr für längere Zeit verringert, so stellt sich der Körper darauf ein, indem er den Grundbedarf an Energie senkt. In der Regel nehmen Magersüchtige über einen langen Zeitraum nur geringste Mengen an Lebensmitteln zu sich. Dieser niedrige Level wird auch nach Beendigung einer etwaigen Diät beibehalten. Betroffene nehmen beim normalen Essen an Gewicht zu: Der berüchtigte Jo – Jo - Effekt tritt ein. Die Gewichtszunahme löst bei Personen, die an Essstörungen leiden, häufig massivste Ängste aus, und dies führt über kurz oder lang zur nächsten Diät bzw. zu einem fast kompletten Verzicht auf Nahrung. Die so genannte "Set - Point" Theorie geht davon aus, dass es für jedes Individuum ein genetisch festgelegtes Körpergewicht gibt, das sich bei normalem Ess- und Bewegungsverhalten problemlos halten lässt. Allerdings entspricht es bei den wenigsten Menschen dem körperlichen Erscheinungsbild von Models. Wird versucht, das Gewicht unter dieses individuelle Körpergewicht zu reduzieren, gelingt dies nur durch permanentes Hungern, was wiederum zu hormonellen Veränderungen führen kann. Das extreme Hungern ist für magersüchtige Menschen von großer Bedeutung, den es erfüllt viele mit asketischem Stolz, und sie fühlen sich anderen gegenüber überlegen. Sie sind der Meinung, dass sie es einfach nicht notwendig haben, sich mit ungesunden Kalorien voll zu stopfen und das Kalorienzählen wird zu einer automatischen Handlung. Nicht nur Hunger sondern auch Müdigkeit oder Erschöpfung werden oft ignoriert, und so geschieht es nicht selten, dass diese Menschen zu einer erstaunlichen Leistungsfähigkeit im Stande sind obwohl ihre körperlichen Ressourcen massiv reduziert sind. Begleiterkrankungen Je länger die Magersucht unbehandelt bleibt, desto höher ist die Gefahr einer Chronifizierung. Bei in Behandlung befindlichen Patientinnen und Patienten wurden außer der Magersucht bei 29 - 55 Prozent der Fälle depressive Symptome, bei bis zu 60 Prozent Angststörungen, bei jeweils 20 Prozent Persönlichkeitsstörungen und neurotische Symptome und bei jeweils 5 Prozent Alkohol- und Tablettenmissbrauch sowie schizophrene Erkrankungen diagnostiziert. Physische Erkrankungen können durch die chronische Unterernährung, den Abführmittel- und Entwässerungsmittelmissbrauch oder selbst herbeigeführtes Erbrechen hervorgerufen werden. Beobachtete Begleiterkrankungen sind:
Bei ungefähr 10 Prozent der Erkrankten nimmt die Essstörung einen chronischen Verlauf, bei einem weiteren Drittel kommt es zu einer Symptomverschiebung. Dabei wird die Magersucht durch eine andere Symptomatik ersetzt, z.B. durch Ess-Brech-Sucht, Drogen-, Alkohol- bzw. Tablettenmissbrauch, Depression, Zwangserkrankungen, in seltenen Fällen treten schizophrene oder affektive Psychosen auf. 10 Prozent versterben an den Folgen der Unterernährung. Bei einer lang andauernden Unterernährung kann es zu einer Unterversorgung des Gehirns und damit verbunden zu Konzentrations-, Aufmerksamkeits- und Wahrnehmungsstörungen kommen. Außerdem wird bei ehemals Magersüchtigen ein gehäuftes Auftreten von Knochenbrüchen und Erkrankungen an Osteoporose beobachtet, was auf die lange andauernde Unterernährung zurückzuführen ist (viel zuwenig Vitamine, Spurenelemente, Eisen und weitere, für einen voll funktionsfähigen Körper notwendige, Nährstoffe). Auch die mit der Mangelernährung verbundenen hormonellen Veränderungen führen zu Folgeerkrankungen. So kommt es bei magersüchtigen Frauen häufig zu Veränderungen des weiblichen Zyklus, bei manchen bleibt die Monatsblutung überhaupt aus. Weitere körperliche Folgeerscheinungen sind chronische Verstopfung, niedriger Blutdruck, eine geringere Körpertemperatur als die Normalbevölkerung, Elektrolytentgleisungen sowie weitere Stoffwechselstörungen. Vorbeugung Vorbeugend im Zusammenhang mit Essstörungen ist ein Familienklima, das Kinder bzw. Jugendliche bei ihrer Identitätsfindung und emotionalen Entwicklung fördert und unterstützt. Die angeführten Verhaltensweisen und Werthaltungen haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sie dienen nur als Beispiele, welche Ressourcen der Entstehung von Essstörungen entgegengesetzt werden können bzw. welche Erziehungsmaßnahmen vermieden werden sollten.
Die Fähigkeit von Magersüchtigen, mit wenig Nahrung auszukommen, verhilft ihnen zu einem Gefühl der Stärke und Überlegenheit. Sie erleben sich lange Zeit nicht als krank, wehren alle Hilfestellungen von Familie und Freunden ab. Sie sind überzeugt davon, dass die anderen überreagieren und sie selbst gesund sind. Die Betroffenen versuchen oft, den Gewichtsverlust zu verheimlichen z.B. durch weite Kleidung oder das Vermeiden von bestimmten Situationen (sie gehen nicht mehr ins Schwimmbad, ziehen sich vor anderen nicht mehr aus). Je länger die Erkrankung unentdeckt und unbehandelt bleibt, desto lebensbedrohlicher können physische Begleiterscheinungen werden und desto schwieriger gestaltet sich die Behandlung des psychischen Störungsbildes. Zudem steigt die Gefahr eines chronischen Verlaufes. Aufgrund des nicht oder kaum vorhandenen Leidensdruckes bei den Betroffenen bedarf es der Aufmerksamkeit von Eltern, Lehrerinnen und Freundkreis, um eine mögliche Erkrankung rechtzeitig zu erkennen. Sind mehrere der hier angeführten typischen Kennzeichen einer Magersucht bereits über einen Zeitraum von zwei Monaten zu beobachten, sollte der oder die Betroffene direkt darauf angesprochen und Kontakt zu einer Beratungsstelle aufgenommen werden. Auffällige Symptome:
Zum Krankheitsbild der Magersucht gehört, dass Betroffene nicht oder kaum krankheitseinsichtig sind. Zu den objektiven Beschwerden zählen natürlich auch alle unter Früherkennung genannten Symptome, doch diese werden von den Betroffenen selbst kaum genannt. Beschwerden, mit denen Magersüchtige zum Arzt gehen, ohne jedoch die Essstörung zu erwähnen, sind:
Diagnose Die Kriterien für die Diagnose Magersucht umfassen nach dem Klassifikationssystem der WHO für Krankheiten (ICD 10):
Die Diagnoseerstellung fällt in die Kompetenz verschiedener medizinischer Fächer: Eine multiprofessionelle Betreuung ist für die Betroffenen unumgänglich. Behandlung Da es sich um eine vorwiegend psychische Erkrankung handelt, ist eine psychotherapeutische Behandlung immer notwendig und die Therapie erster Wahl. Medikamente gegen Magersucht gibt es nicht. Wenn Medikamente verschrieben werden, dann dienen sie der Behebung von Mangelerscheinungen oder es werden damit zusätzlich auftretende psychische Erkrankungen wie z.B. Depressionen oder Zwangsneurosen behandelt. Als Richtwert für eine psychotherapeutische Behandlung wird von Expertinnen ein Zeitraum von zwei bis vier Jahren genannt. Je nach physischem und psychischem Zustandsbild wird der Arzt eine sofortige Einweisung in ein Krankenhaus veranlassen oder andere individuell angepasste Behandlungsformen vorschlagen. Außerdem wird er die notwendigen ersten Schritte, wie die Kontaktaufnahme mit einem Psychotherapeuten oder einer Beratungsstelle für Essstörungen, in die Wege leiten. Die Behandlung von Anorektikerinnen und Anorektikern hängt eng mit den Familienverhältnissen zusammen: Die Betroffenen - häufiger Töchter als Söhne - entwickeln stellvertretend für die Familie, sozusagen als „Familiensymptom“, eine Magersucht. Die Betroffenen stammen vornehmlich aus Familien, in denen vordergründig vollkommene Harmonie und gegenseitige Aufopferung herrschen. Eine eigenständige Entwicklung der einzelnen Familienmitglieder erscheint in diesen Familien problematisch, da die Erhaltung und das Wohl der Gemeinschaft als oberstes Prinzip angesehen werden. Durch die Anorexie gelingt eine Distanzierung von der Familie, ohne sie in einem direkten Konflikt verlassen zu müssen. Neben der psychotherapeutischen Behandlung ist eine umfassende medizinische Betreuung der Magersüchtigen essentiell. Die oben genannten körperlichen Störungen einer multiprofessionellen Betreuung bedürfen: Internistische sowie in manchen Fällen sogar intensivmedizinische Behandlung, sowie Sanierung der Zähne, die durch die Mangelernährung oftmals massiv zerstört sind, sind in vielen Fällen erforderlich. Psychotherapeutische Behandlung Mehrere psychotherapeutische Schulen haben Konzepte zur Behandlung der Magersucht entwickelt. Für Betroffene und deren Angehörige ist das vielfältige Angebot oft verwirrend. Meist fehlen auch die Zeit und das Geld, um verschiedene Therapieansätze auszuprobieren. Letztendlich ist für eine erfolgreiche Behandlung weniger die gewählte Therapierichtung als eine gute Beziehung zwischen Betroffenen und Therapeutin oder Therapeut ausschlaggebend. Für die Behandlung der Magersucht hat sich der Einsatz mehrerer Psychotherapien (multimethodale Therapie) als erfolgreich erwiesen. Mit Hilfe der Verhaltenstherapie erlernen Magersüchtige einen adäquaten Umgang mit Essen. Nachdem alles rund ums Essen das Leben von Magersüchtigen für lange Zeit beherrscht hat, haben diese, sobald die Symptomatik abklingt, plötzlich viel Zeit zur Verfügung, was im ersten Moment eine Überforderung darstellen kann. Diese birgt die Gefahr eines Rückfalls in die alte Symptomatik. Die Körperorientierte Psychotherapie ist wichtig für die Behebung der Körperwahrnehmungsstörung. Sie unterstützt die Betroffenen dabei, wieder ein Gefühl für ihren Körper zu bekommen. Außerdem werden Entspannungstechniken erlernt. Familientherapie hilft bei der Lösung der innerfamiliären Konflikte, Gestaltherapie, Gesprächstherapie sowie tiefenpsychologische Verfahren wie die Psychoanalyse helfen beim Erkennen, Bearbeiten und Verändern von hinderlichen oder Krankheitsverursachenden Verhaltensmustern, deren Ursprung zumeist in der frühen Kindheit liegen. Behandlungsziel ist eine Veränderung des Essverhaltens. In der Psychotherapie wird zunächst einmal zu klären versucht, welche Konflikte die Betroffenen mit dem pathologischen Essverhalten lösen. Sobald den Betroffenen verständlich wird, wie die Störung bei der Lebensbewältigung "geholfen" hat, welche "positiven" Effekte die Krankheit für die Magersüchtigen dem Anschein nach hatte, können adäquatere Lösungsstrategien erarbeitet werden. Dies führt zu einer "Entzauberung" der Störung und ermöglicht es den Betroffenen, sich Schritt für Schritt davon zu lösen. Während dieses Umlernprozesses hält die Symptomatik einige Zeit weiter an, es kann am Beginn sogar zu einer Verstärkung kommen. Entscheidungshilfen für die Wahl des Therapeuten Es ist ratsam jemanden zu wählen, der über langjährige Erfahrung in der Behandlung von Essstörungen verfügt. Das Erstgespräch bei einem Therapeuten oder einer Therapeut/in dient dem gegenseitigen Kennen lernen. Für den Therapeuten oder die Therapeut/in ist es wichtig, die Situation und die Anliegen der Betroffenen kennen zu lernen und der Klient oder die Klientin muss für sich klären, ob er oder sie sich diesem Menschen anvertrauen kann. Fragen, die bei der Entscheidung helfen können, betreffen vor allem Gefühle, die während der Gesprächssituation für die Betroffenen spürbar waren:
Zurzeit können Betroffene zwischen ambulanten und stationären Behandlungsformen wählen. Die ambulante Durchführung einer Therapie hat den Vorteil, dass der veränderte Umgang mit Essen im Alltag und nicht in der künstlichen Atmosphäre einer Klinik stattfindet. Die Entscheidung, ob die Behandlung ambulant oder stationär erfolgt, hängt jedoch von den aktuellen Lebens- bedingungen und vor allem vom gesundheitlichen Allgemeinzustand ab. Eine stationäre Behandlung empfiehlt sich bei Anorektikerinnen und Anorektikern,
Zwangsmaßnahmen Sowohl am Beginn einer Behandlung als auch während des psychotherapeutischen Behandlungsprozesses kommt es bei manchen Betroffenen vor, dass sie trotz eines lebensbedrohlichen physischen Zustandes die Nahrungsaufnahme verweigern. In diesen Fällen muss von den behandelnden Ärztinnen und Ärzten zu Zwangsmaßnahmen gegriffen werden (Zwangsernährung). Der Einsatz von Zwang hat auf den therapeutischen Prozess fast immer einen sehr negativen Einfluss, doch steht in einer derartigen Situation keine andere Möglichkeit mehr zur Auswahl, um das Leben der Betroffenen zu retten. Heilungsverlauf und Heilungschancen Die Krankheitsverläufe sind bei Magersucht sehr unterschiedlich. Je kürzer die Krankheitsdauer und je weniger Begleiterkrankungen auftreten, desto besser sind die Heilungschancen. Zahlen zu Behandlungserfolgen gibt es nur von Betroffenen, die in Behandlungszentren erfasst wurden und sich für weitere Nachuntersuchungen zur Verfügung gestellt haben. Bei Magersuchterkrankungen ergaben die Untersuchungen, dass fünf bis zehn Jahre nach Behandlungsende etwa die Hälfte der Patientinnen keine Symptome einer Essstörung hatten, bei etwa einem Viertel eine Verbesserung und bei einem weiteren Viertel eine Verschlechterung eingetreten ist oder sie verstorben sind. Leider zeigen Nachuntersuchungen auch, dass es bei einem Teil der ehemals Erkrankten zu Symptomverschiebungen kommt. Die Essstörung ist zwar nicht mehr vorhanden, dafür treten andere psychische Probleme, wie Depressionen, Angststörungen, Drogen- bzw. Alkohol- missbrauch oder in Einzelfällen auch Schizophrenie oder affektive Psychosen auf. Leben mit der Krankheit Hinweise für Betroffene Der Weg zur Normalisierung des Essverhaltens ist langwierig und schwierig. Es gibt keine Zaubertricks, mit denen man die Angst vor der Gewichtszunahme zum Verschwinden bringen kann. Die Bereitschaft, die Magersucht ganz aufzugeben, ist die Voraussetzung für einen erfolgreichen Therapieverlauf. Niemand kann versprechen, dass mit einer Gewichtszunahme das Leben einfacher wird, im Gegenteil: Anfangs wird es unsicherer, da die Essstörung bestimmte Probleme „gelöst“ hat und nun ein neuer Umgang sowohl mit den Konflikten als auch mit dem Essen gesucht und erlernt werden muss. Hinweise zu Essen und Gewichtszunahme
Solange sich die Gedanken hauptsächlich mit dem Essen beschäftigen, beschränken sich auch körperliche Empfindungen weitestgehend auf Hunger- und/oder Völlegefühl. Die Außenwelt und ihre spürbaren Effekte auf den Körper werden zunehmend ausgeblendet. Die Vielfalt der sinnlichen Wahrnehmungsmöglichkeiten, seien es nun Geschmack, Geruch, Berührung, Wärme- oder Kälteempfindungen, um nur einige zu nennen, tragen aber wesentlich zum allgemeinen Wohlbefinden bei, daher ist es wichtig sie wieder zu entdecken. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, hier auf Entdeckungsreise nach Quellen des Genusses und des Spürens zu gehen. So kann man z. B. beim Essen versuchen, möglichst feine Geschmacksunterschiede wahrzunehmen. Wie ist der Geschmack und wie der Geruch des Essens? Welche Gewürze lassen sich herausschmecken? Die Haut ist unser größtes Sinnesorgan, wir spüren auf ihr Umwelteinflüsse wie Sonne, Wind und Wasser. Wir kommunizieren über sie, streicheln jemanden, der traurig ist, erblassen vor Schreck oder erröten vor Zorn. Sich und seiner Haut etwas Gutes tun kann man z.B. in dem man sich ein Schaumbad gönnt. Wie fühlt sich die Haut nach einer Bürstenmassage oder nach Wechselbädern an? Das Eincremen der Haut mit einer wohlriechenden Lotion ist eine weitere Möglichkeit. Magersucht und Schwangerschaft Bei bestehender Magersucht besteht aufgrund der Mangelernährung ein erhöhtes Risiko für die Schwangerschaft und das neugeborenen Kind. Die Kinder haben ein geringeres Geburtsgewicht und nehmen langsamer an Gewicht zu. Häufig gibt es große Probleme mit dem Stillen. Das Risiko sinkt deutlich, wenn die zukünftige Mutter bereits einige Zeit in Behandlung ist und sich auf dem Wege der Besserung befindet. Auf jeden Fall sollten Erkrankte Frauen ihren Gynäkologen über eure bestehende Magersucht informieren. Unterstützung durch eine Selbsthilfegruppe Viele Betroffene erleben die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe als große Erleichterung, da sie mit ihren Problemen nicht mehr alleine sind. Sie können in der Gruppe über ihre Erfahrungen offen sprechen und müssen sich nicht mehr verstellen. Anfangs fällt es vielen schwer, über sich selbst zu sprechen, aber die Verbundenheit, die sich zwischen den Gruppenmitgliedern entwickeln kann, gibt Sicherheit und hilft dabei, die eigenen Probleme leichter zu bewältigen. Die Gruppenmitglieder versorgen einander mit Informationen und unterstützen einander. Jedes Mitglied kann anderen mit seinem Wissens- und Erfahrungsschatz weiterhelfen. Die Selbsthilfegruppe ersetzt aber nicht eine psychotherapeutische Behandlung. Hilfe für Angehörige und Freunde Viele Familienangehörige, Partner und Freunde von Magersüchtigen erleben die Zeit von der ersten bewussten Wahrnehmung der Essstörung bis zum Behandlungsbeginn, zum Teil auch noch während der Behandlung selbst, als emotionale Berg- und Talfahrt. Sie schwanken zwischen Sorge, Angst, Schuldgefühlen, Ohnmacht, Hilflosigkeit, Wut und Zorn. Ein wichtiger Schritt im Umgang mit dieser Situation ist die Erkenntnis, dass Essstörungen schwerwiegende psychosomatische Erkrankungen sind. Es ist kaum zu erwarten, dass sie ohne Behandlung plötzlich verschwinden, noch dass die Familie, der Partner oder andere nahe stehende Personen alleine dieses Problem in den Griff bekommen können. Professionelle Unterstützung ist unerlässlich. Angehörige, Partner oder Freunde können aber viel tun, um eine Behandlung zu initiieren und den Genesungsprozess zu unterstützen. Wie das Thema ansprechen?
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